Der Graf von Oberstein… Teil 3

Der Graf von Oberstein Teil 1

Der Graf von Oberstein Teil 2

Völlig gerädert erwachte Sonja am folgenden Morgen, sich nicht im Klaren, ob das alles nur ein schlechter Traum gewesen sei, aber als sie den jungen Grafen verkatert und ungepflegt im Garten sah, holte sie schnell die Realität wieder ein.
Sie versuchte sich ihren alltäglichen Arbeiten zu widmen, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, sie bekam einfach Edgar’s Geschichte nicht aus dem Kopf, dabei wollte sie so gut wie möglich die wenige Zeit noch genießen auf diesem wundervollen Anwesen.

Acht Wochen… Nur karge acht Wochen blieben ihnen, bevor alles unter den Hammer kam und versteigert wurde.
Sie hatte keinen Plan, wie es weiter gehen sollte, dringend müssten sie sich um eine neue Bleibe kümmern, aber sie schob diesen Gedanken weit von sich… Ganz weit, am Besten so, dass er sie nicht mehr erreichen konnte. Dieser Ort, dieses Anwesen hatten etwas magisches, hatte man ihn einmal betreten, wollte man ihn nie wieder verlassen. Sonja hatte das Gefühl, als hätte sie bereits ihr ganzes Leben hier verbracht.

Ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Brust und die Frage, was sollte aus Edgar werden?  Für sie stand es ausser Frage, dass sie zusammen bleiben würden, egal wohin es sie verschlagen würde, Edgar sollte zu ihnen ziehen.
Sie hatte bereits mit Peter ausführlich darüber gesprochen und er war, wie in fast allen Fragen, ganz ihrer Meinung.

Und Graf Alfonso?  Was würde wohl aus ihm werden?  Sie wusste darauf keine Antwort, aber sie konnte ihm nicht helfen, er zog sich mehr und mehr zurück, verschloss sich für jedes Gespräch.
Ihm machte nicht nur SEINE Situation zu schaffen, er nahm dem treuen Edgar sein zu Hause und das Unternehmen… Viele viele Menschen würden ihre Arbeit verlieren, viele Familien in große Schwierigkeiten stürzen. In dieser Gegend gab es weit und breit nichts anderes, das Unternehmen ernährte seit Jahrhunderten alle Familien der Region.
Ja… ER hatte versagt, eine Tatsache, welche er nicht verkraften konnte.

Sonja’s Gedanken verloren sich, sie dachte an die Herzöge von Alveres und was wohl aus ihnen geworden war. Lebten die Nachkommen wirklich noch immer dort in dieser anderen Welt?
So versunken war sie tief in sich, dass sie förmlich erschrak, als plötzlich Peter hinter ihr stand und sanft ihren Nacken küsste.

„SCHATZ, WAS MACHST DU DENN NUR?“ rief er entsetzt und zog ihre Hand aus der Spüle, das Wasser war rot gefärbt und erst jetzt spürte sie den leichten Schmerz und sah das Blut von ihrer Hand rinnen.
Zu abgelenkt, um zu merken, dass sie beim Geschirr spülen in ein Messer gefasst hatte.
Nun wurde ihr leicht schwarz vor Augen, als Peter sie fürsorglich zum Stuhl führte und begann ihre Hand zu verbinden.

„HAST DU DICH NACH EINER WOHNUNG UMGESCHAUT?“ fragte er wie beiläufig…
Sonja schüttelte nur stumm den Kopf, ihr Blick starr gerichtet durch das Küchenfenster, beobachtete sie Edgar beim Rosen schneiden, während eine einsame Träne sich ihren Weg Richtung Lippen bahnte. Sie schien es nicht einmal wahrzunehmen… rein reflexmässig leckte ihre Zunge diesen einen Salztropfen ab.

„PETER…“ Ohne ihren Blick vom Garten zu lösen, klang ihre Stimme fast flehend… „LASS ES UNS VERSUCHEN, BITTE!!!“

„SONJA, WAS MEINST DU?“ fragte er vorsichtshalber nach, obwohl ihm sein Gefühl bereits die Antwort gegeben hatte.

„LASS UNS DIE VON ALVERES SUCHEN!  BITTE, WIR HABEN ACHT WOCHEN, WIR KÖNNEN ES SCHAFFEN…“ fast euphorisch wurden ihre Worte, es schien als sei ihr der Sinn ihrer Aussage gar nicht bewusst.

„SCHATZ!  DIE IDEE IST ABSURD! WAHRSCHEINLICH IST ES SOWIESO NUR EINE LEGENDE, NICHTS WEITER…“ Er versuchte sich ein gequältes Lächeln abzuringen, aber… Zu gut kannte er seine Frau!  Einer Idee in ihrem Kopf hatte er kaum etwas entgegen zu setzen, das wusste er bereits wenige Wochen nach ihrem ersten Kennenlernen! Sie konnte SO verdammt stur sein!

„ABER WAS, WENN ES STIMMT PETER?  WIR KÖNNEN ES VERSUCHEN…“ Ihr Ton wurde entschiedener, Peter war klar, er hatte längst verloren, Sonja war fest entschlossen und niemand würde sie mehr von ihrem Plan abbringen.

„DU WEISST SCHON, DASS WIR KAUM EINE CHANCE HABEN?“  machte er einen letzten kläglichen Versuch…

„MAN HAT IMMER EINE CHANCE!“  protestierte sie ganz entschieden, „NUR FEIGLINGE BLEIBEN STEHEN… PAH, WIR WERDEN SIE FINDEN UND DIE FIRMA RETTEN UND EDGAR UND ALL DIE MENSCHEN UND…“ „JA SONJA UND DIE GANZE WELT“ unterbrach Peter ihren Wortschwall mit einem fast mitleidigem Lächeln. Sonja redete sich mit mittlerweile glühenden Wangen langsam in Rage und Peter konnte sie nur schwer bremsen.

So saßen sie am Abend ein weiteres Mal in Edgar’s gemütlicher Kammer und redeten bis in den frühen Morgen, die letzten Kerzen waren längst abgebrannt, der Duft von Apfel und Zimt lag noch immer einen Hauch in der Luft.

Edgar holte aus seinem alten Sekretär einen ebenso alten Leinensack und übergab ihn Peter.
„NIMM DIES MEIN JUNGE, IHR WERDET ES AUF EURER ANSTRENGENDEN REISE BRAUCHEN… ACHTET GUT AUF DIESE SACHEN UND VERTRAUT SIE NIEMANDEM AN!“

Peter verstaute gut die Sachen in seinem Rucksack und drehte sich ein letztes Mal noch um, im Magen ein mulmiges Gefühl, über sich selbst leicht den Kopf schüttelnd, winkte er Edgar ein letztes Mal zu.

„VIEL GLÜCK KINDER…“

So waren Edgar‘s letzten Worte, bevor Peter und Sonja das Herrenhaus im Morgengrauen verließen, um sich auf den weiten Weg zu machen…

by JanJan

by Pixabay
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Fortsetzung folgt…

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37 Kommentare zu „Der Graf von Oberstein… Teil 3

  1. Oh Du spannst uns aber ganz schön auf die Folter. Die Geschichte wird ja immer spannender und ich bin immer mehr gespannt, wie sie ausgeht.

    Übrigens das Bild ist genau so toll wie die Geschichte.
    😉

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