ANNA 2…

ANNA Teil 1

Der Tag war nur leicht sonnig, angenehm, Anna genoss diese wenigen Augenblicke, in denen sie die Luft und die Natur so hautnah auf ihrer Haut spüren konnte. Es passierte in den letzten Jahren nur noch selten, dass sie raus kam, raus aus ihrem muffigen dunklen Kellerloch. Zu oft hatte sie die Gelegenheit genutzt und war einfach abgehauen… Weg wollte sie, einfach nur weit weg von diesen schrecklichen Menschen.
Im Grunde war es egal wohin, es gab ja niemanden, den sie mochte, niemanden, dem sie vertraute, sie genoss es einfach frei zu sein, umherzustreifen, sich an Blumen zu erfreuen, dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen oder die Schönheit der Schmetterlinge zu beobachten.

Mit jedem Mal ihres Verschwindens wurde sie besser, vorsichtiger, sie wusste längst, dass sie keinem Menschen vertrauen konnte und so hielt sie sich lieber fern von diesen. Verzog sie sich anfangs noch einfach in die nahe liegenden Wälder, wurden ihre Wege nun stets weiter.
Anna war kein kleines Kind mehr, sie war immer wachsam, auf der Hut nicht aufzufallen, sie wusste, dass sie gesucht wurde und meist endeten ihre Ausflüge nach einigen Tagen, bis die Polizei sie mal wieder aufgriff und zurück brachte in dieses verhasste Horrorhaus, aus dem sie niemals so richtig entkommen konnte. So genoss sie also diese wenigen Tage des Glücks.

Heute stand sie hier, auf diesem Friedhof, zwischen all diesen schwarzen Gestalten, die heulten und sich krampfhaft an ihren Taschentüchern festhielten und Anna fragte sich, wie so oft, warum.
Sie konnte die Menschen nicht verstehen, sie konnte die Gefühle nicht verstehen, sie war 11 Jahre, aber wusste nicht wirklich, was es bedeutet tot zu sein. Der Tod, war er nicht eher so was wie Erlösung?
Einerseits beneidete sie die Toten, die, die es geschafft hatten, wie sie es gern nannte, sie hatten endlich ihre Ruhe, anderseits wollte sie nicht sterben. NEIN, Anna hatte sich vorgenommen am Leben zu bleiben, etwas zu schaffen, allein schon um es DENEN zu zeigen und so kämpfte sie sich tapfer Jahr für Jahr durch all den Schmerz und Demütigungen.

Als ihr Urgroßvater starb, war sie acht, hatte diesen Gedanken zum ersten Mal, ER ist erlöst, musste sich dieses Gekeife und die Vorwürfe nicht mehr anhören. Damals im Haus begannen auch alle zu heulen, Anna konnte damit nicht umgehen, konnte diese Geräusche nicht ertragen und drehte die Musik im Radio laut, um alles andere auszublenden. Dabei hätte sie eigentlich weinen sollen, immerhin war ihr Urgroßvater der einzige Mensch in diesem Hause, der ganz nett zu ihr war, aber aus ihren Augen rannen schon lange keine Tränen mehr.

Niemand sprach mit ihr darüber, ihre Stiefmutter warf sie einfach nur aus dem Haus und Anna… verschwand mal wieder in den Wald. Tagelang konnte sie ungestört umherstreifen, verfolgte Eichhörnchen und hoffte es würde ihr den Weg weisen. Anna verfolgte ein Ziel, sie träumte Nacht für Nacht davon, dieses geheime Tor zu finden, dieses Tor in eine andere Welt, im Traum konnte sie es deutlich sehen. Es musste in diesem Wald sein und sie würde niemals aufgeben, denn aus den Nächten wusste sie, dass es dahinter viel viel schöner war. Die Wiesen waren grüner, die Blumen bunter, es wimmelte nur so von Tieren, Schmetterlinge in Regenbogenfarben flatterten durch die Lüfte, die Luft war so klar und rein, sie konnte förmlich die frische der vielen kleinen Seen riechen und… In dieser Welt gab es keine Menschen. Die Vorstellung war wunderschön, sie hätte sich nie wieder fürchten müssen, nie wieder verstecken, nie wieder ekeln. Keine schwarzen Schatten mehr, die kamen, mit ihren stinkenden Körpern, keine ekeligen schwitzigen Hände, die sich überall auf ihrem Körper eingebrannt hatten.

Während der Pfarrer eine Rede hielt, dachte sie über den Sinn ihres Hierseins nach, finden konnte sie ihn jedoch nicht. Sicher lag es daran, dass an bestimmten besonderen Tagen die Familie komplett sein musste, warum auch immer, Anna war das alles egal. Sie gehörte im Grunde nicht zur Familie, warum sie dort sein musste, war ihr noch immer nicht klar.
Wahrscheinlich eine Strafe, weil sie so ein schreckliches Kind war. Ihre Stiefeltern sagten ihr das täglich, also musste es wohl so sein. Es gibt Kinder, die hat man lieb und andere haben es eben nicht verdient, so wie sie, so einfach war das…  Punkt aus…

Der Pfarrer war irgendwann fertig, Anna hatte von all dem nicht viel mitbekommen, ausser dieser Lobrede auf die Großmutter, die nun auch gestorben war. Die Leute heulten immer noch, dabei konnten sie Oma doch gar nicht richtig leiden, solange sie denken konnte trafen sie sich immer nur zum streiten, die Situation war unverständlich.
Anna stand neben ihrem Stiefvater am offenen Grab, welcher sie irgendwie unangenehm am Genick festhielt und dauernd hin und her schob. Sie hat es auch geschafft, dachte Anna sich und stellte sich vor wie schön es sein musste tot zu sein. Sie empfand gar nichts, nichts was mit Trauer zu tun gehabt hätte. In ihrem Kopf war nur dieser komische Gedanke, warum nicht ihr Stiefvater dort liegen konnte in dieser kalten Erde?  Fast huschte so was wie ein kleines Lächeln über ihr Gesicht und das geschah bei Anna höchst selten. Es wäre eine Erlösung gewesen, für sie, vielleicht auch für ihn… Keine Ahnung, Oma hatte irgendwann vor langer Zeit mal erwähnt, er würde eines Tages in der Hölle landen, wo er hingehöre.
Anna wusste zwar nicht genau, was oder wo die Hölle ist, aber man hatte ihr erzählt, es sei ein Ort, wo böse Menschen landen, die schreckliches getan hatten, von daher fand sie das durchaus passend. Doof nur, dass sie selbst auch eines Tages dorthin gelangen würde, auch DAS sagte man ihr oft genug.

Ganz ausdrücklich, vor zwei Jahren, als Anna neun war und versuchte den „Umzug“ ihres Stiefvaters etwas zu beschleunigen…

by JanJan

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Fortsetzung folgt…

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46 Kommentare zu „ANNA 2…

                    1. Wir bemühen uns, eimal im Jahr ein paar Happen zusammen zu essen.
                      Kennen gelernt haben wir uns bei einem Rügentreffen.
                      Es ist uns ein Vergnügen miteinander zu frotzeln. 😉

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                    2. Das glaube ich und gönne es euch von Herzen. Manchmal stelle ich mir auch vor, wie schön es doch sein müsste, wenn Menschen so unkompliziert miteinander kommunizieren können. 🙂

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                    3. Das machen wir doch auch, hier in Deinen Blog. 😉
                      Und bei einem Treffen würden wir schnell feststellen was geht und was nicht.
                      Es ist im übrigen sehr von Vorteil, von den Umständen schon im Vorfeld zu wissen. Darauf kann man sich schon mal einstellen.

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  1. Sehr ergreifende Geschichte. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht.
    Ich hoffe, dass Anna im Laufe der Geschichte erkennt, wie unwichtig all die Menschen sind, die ihr immer wieder sagen, wie wenig sie wert ist, und dass sie etwas ganz besonderes ist und um jeden Preis ihren eigenen Weg gehen muss.

    Das mit dem „kurz fassen“ finde ich jetzt gar nicht wichtig. Ich liebe lange Geschichten, wenn sie gut geschrieben sind und mich in ihre Welt mitnehmen. Dann hoffe ich manchmal, dass sie nie zu Ende gehen, sondern dass ich eines Tages in sie eintauchen kann

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    1. Es ist manchmal echt schlimm! Ich schreibe meist nachts und dann kann ich einfach nicht aufhören, dann fällt mir dauernd noch was ein und ich finde kein Ende und komme mal wieder nicht ins Bett. Aber tagsüber geht das nicht, wenn mich jemand stört, bin ich raus, verliere den Faden und brauche ewig bis ich mich wieder reinfinde. Ausserdem nervt es mich total, wenn ich gestört werde.
      Schaun wir mal, ob Anna ihren Weg findet…

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